Die ersten bay. Postkarten auf Privatbestellung
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Von Prof. Dr. Erich Stenger, Charlottenburg (Abschrift aus "DIE GANZSACHE" Heft 5/1925)

In Senft's Ganzsachen-Katalog von 1914 waren die Privatpostkarten Bayerns von mir in nur ganz kurzer und, wie es sich in den folgenden Jahren herausstellte, nicht vollständiger Aufstellung eng zusammengefaßt. Auf Einzelheiten konnte in dem damals der Bearbeitung vorgeschriebenen Rahmen nicht eingegangen werden. Meine Neubearbeitung aus dem Jahre 1922 für Dr. Ascher's Großen Ganzsachen-Katalog 1924 (s. I. Teil S. 59/60) konnte auch diesem beachtenswertem Gebiete entsprechend
den vom Herausgeber weitgesteckten Zielen eine ausführliche Katalogisierung zuteil werden lassen. Den Katalognummern 1-4 dieser "Privatpostkarten mit amtlichen Wertstempel" möchte ich heute einige Erläuterungen und Ergänzungen geben.

Es handelt sich um die ältestene Privatpostkarten Bayerns, denen allerdings andere Ganzsachen dieser Art, und zwar Umschläge, vorangehen. Letztere sind in dankenswerter Weise unter Benutzung amtlicher Quellen von C. Lindenberg im
Jahre 1895 bearbeitet worden, leider, wie er selbst sagt, überaus lückenhaft, da ihm das auch bei der Forschungsarbeit nach amtlichen Quellen unentbehrliche Sammlungsmaterial nur spärlich zur Verfügung stand.

Bereits mit Verfügung Nr. 1542 vom 30. Januar 1874 war "die Stempelung von Briefcouverts, Postkarten und Streifbändern mit dem Postmarkenstempel für Privatpersonen" gestattet worden. Die Postkarten konnten "auf die Taxbeträge von 1 und 2 Kreuzer (Orts- und Fernverkehr) abgestempelt werden". Die Stempelung wurde bei der "Regie- und Materialverwaltung der königlichen Verkehrsanstalten in München" vorgenommen; die Kosten betrugen außer den aufgedruckten "Taxbeträgen" für "je 1000 Stück oder einen Teil von 1000 Stück jeder einzelnen Gattung" 1 Fl. 3 Kr. und waren im voraus zu errichten. Während wir zahlreiche Arten Privatumschläge von 1, 3 und 7 Kreuzer kennen, ist trotz vieljähriger Sammeltätigkeit noch keine Privatpostkarte in Kreuzerwährung gefunden worden. Wir müssen also annehmen, da auch Moens, ein vorzüglicher Chronist für alle nicht an der großen Heerstraße liegenden philatelistischen Erzeugnisse , keine bayerischen Privatpostkarten
jener Zeit kennt, wohl aber die Umschläge ausführlich aufzählt, daß von der Möglichkeit der Herstellung von Privatpostkarten in Bayern erst nach Einführung der Mark Gebrauch gemacht worden ist.

Die ältesten Privatpostkarten Bayerns sind auf Bestellung der Firma A. W. Faber hergestellt worden und einzelne derselben seit vielen Jahren unter dem Namen "Faber-Karten" bekannt. Meine Katalogisierung im Ganzsachenkatalog wird bei einer
Neuauflage die Nummern 1- 4 unter dieser Bezeichnung zusammenfassen. Bei Bearbeitung der jetzigen Katalogausgabe war mir die Karte Nr. 1 wohl gemeldet, sie konnte mir damals jedoch nicht vorgelegt werden. Inzwischen habe ich zwei
Stücke gesehen, von denen das eine mir im Tausch überlassen wurde. Ich katalogisiere also wie folgt und gebe anschließend
noch einige Mitteilungen über die einzelnen Karten.

Privatpostkarten mit amtlichem Werteindruck
(Nr. 1 - 4 auf Bestellung der Firma A. W. Faber)
1876 Wertstempel in Wappenzeichnung mit Posthörnern in den oberen Ecken, Prägedruck (Wertstempel der Postkarte Nr.8)
schwarzer Vordruck: "Königreich (Wappen) Bayern, Postkarte, links "Herr"
1.)  5 Pf. grün (Format 145 X 93)

1878/79 ebenso (Wertstempel der Postkarte Nr. 7 bzw. Nr. 14), schwarzer Vordruck der Nr. 2: "Herrn, franco" der Nr. 3
"Postkarte, Herr"
2.)  3 Pf. h'grün/gelb (Format 150 X 97)
3.)  5 Pf. violett (Format 138 X 92)

1883/84 Wertstempel in Ziffernzeichnung, Flachdruck (Wertstempel der Postkarte Nr. 22), schwarzer Vordruck
"Postkarte, Herr"
4.)  4 Pf. violett (Format 137 X 92)

Zu Nr. 1) Der Vordruck ist dem der amtlichen Karten nachgebildet und weicht nur bezüglich des Wappens und des "Herr" wesentlich von der amtlichen Karte ab. Die Rückseite trägt die gedruckte Unterschrift "A. W. Faber" und als Abgangsort
"Stein bei Nürnberg, den ...". Die Gebrauchsdaten der beiden mir bekannten Karten: 23.7.77 und 18.10.77. Das Format ist ein wenig größer als das amtliche.

Zu Nr. 2) Diese Karte ist als Drucksachen-Karte gedruckt, deshalb ohne die Überschrift "Postkarte" und enthält auf der Rückseite ein gedrucktes Angebot von Schultafeln. Das in meiner Sammlung befindliche ungebrauchte Stück (soweit mir erinnerlich aus der Kolb-Sammlung stammend), ist das einzige, was ich gesehen habe, andere Stücke wurden mir nicht gemeldet.

Zu Nr. 3) Diese Karte besitze ich zurzeit in drei gebrauchten Stücken. Alle tragen rückseitig die gedruckte Unterschrift "A. W. Faber", zwei von ihnen den gedruckten Abgangsort "Stein bei Nürnberg, den..." Gebrauchsdaten: 24.11.79 und
29.3.83, eine jedoch "Geroldsgrün (Bayern), den...". Gebrauchsdatum: 1.11.86. Die für Geroldsgrün bestimmten Karten scheinen nach diesem Gebrauchsdatum lange vorgehalten zu haben. Vorderseitig unterscheiden sich die beiden Karten nicht.
Eine dieser Karte befand sich als einzige Faber-Karte in der großen Bayern-Sammlung von C. Lindenberg.

zu Nr. 4)  Auch diese Karte ist mir nur in dem einen in meinem Besitze befindlichen Stück bekannt (aus der Kolb-Sammlung), Unterschrift bzw. Ortsangabe auf der Rückseite "A. W. Faber" bzw. "Stein bei Nürnberg", Gebrauchsdatum 31.5.84

Wenn ich heute den Seltenheitsgrad der Karten beurteilen sollte, so müßte ich sie nach den greifbaren Stücken in der Reihenfolge Nr. 2, 4, 1, 3 aufzählen. Von der Drucksachenkarte Nr. 2 dürften die wenigsten Stücke übriggeblieben sein. Die Karte
Nr. 4 ist mir ebenfalls nur in einem Stück bekannt, dann folgt die Nr. 1 mit zwei Stücken und zum Schluß Nr. 3 mit
wenigstens drei Stücken. Bewertung: Nr. 1  * 50.--   o  20.--
                                                       
Nr. 2  * 40.--    o  50.--
                                                        Nr. 3  * 40.--   o  10.--
                                                       
Nr. 4  * 50.--   o  30.--
Die fettgedruckten Preise beziehen sich auf die vorher aufgezählten Stücke, wobei die angegebenen Markwerte nicht als absolute Zahlen, sondern nur als Verhältniszahlen untereinander aufgefaßt werden sollen. In dem recht kleinen Interessenten-
kreis für derartige, an sich so beachtenswerte Stücke, dürften in den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen die genannten Summen nicht bezahlt werden.

Es mag vielleicht noch manche Faber-Karte in den Skripturen alter Papierhandlungen ruhen, die meisten jedoch mögen unerkannt und unbeachtet der Vernichtung anheimgefallen sein.

Soweit die Ergebnisse meiner eigenen Feststellungen. Gern hätte ich noch Bestellzeit, Auflagenhöhe und dergleichen aus den amtlichen Akten ermittelt. Die Nachforschungen in diesen hatten leider kein Ergebnis. Es wurde nichts gefunden, und das Wertzeichenbüro in München teilt mir mit, daß die Beamten sich erinnern zu können glauben,daß die Aufzeichnungen über die Abstempelung privater Postkarten u. Briefumschläge vor mehreren Jahren dem Einstampf verfallen sind. Wir sind also
hier, wie in so vielen anderen Fällen, allein auf das Ergebnis unserer Sammeltätigkeit angewiesen. Vielleicht ist einer der Leser in der Lage, mir weitere Gebrauchsdaten und dergl. anzugeben.

Anmerkung:
1.) die Abbildungen aus diesem Aufsatz sind leider aus technischen Gründen hier nicht wiederzugeben.
2 .) der Bericht, der nun über 75 Jahre alt ist, wurde in der damaligen Schreibweise mit allen Fehlern original übernommen. Durch jahrelange Forschungen verschiedener Sammler, sind auch manche Angaben aus dem Jahre 1925 überholt oder widerlegt. Die Forschung bleibt nicht stehen.